Rainer Brambach

 

 

 

"Er «kenne die Gefängnisse in- / und auswendig, / und auswendig die Sprache der Henker», hat Rainer Brambach, der am 22. Januar 1917 als Sohn eines deutschen Klavierstimmers und einer Berner Herrschaftsköchin in Basel geboren wurde, im autobiografischen Gedicht «Niemand wird kommen» erklärt.

 

Es spielt darauf an, dass der öfters mal arbeitslose Maler, Ausläufer, Möbelträger und passionierte Autodidakt, der dem Pass nach bis kurz vor seinem Tod Deutscher blieb, 1939 als «arbeitsscheuer Herumtreiber» aus Basel ausgewiesen und nach einer abenteuerlichen Rückkehr als Wehrmachtsdeserteur in den Strafanstalten Thorberg und Witzwil interniert worden war. In den fünfziger Jahren arbeitete er, nach einem Abstecher in die Werbebranche, wie einst Friedrich Glauser als Gärtner. Die Lyrik, die er ab 1959 in Bändchen wie «Tagwerk», «Ich fand keinen Namen dafür» oder «Wirf eine Münze auf» unter der Ägide von Günter Eich, Hans Bender, Jürg Federspiel und anderen «studierten» Freunden veröffentlichte, lebt denn auch in starkem Masse von einem sinnlichen, direkten Bezug zur Natur. Sie ist geprägt von einem ganz unprätentiösen, gleichsam handwerklichen und doch elegant-melodischen Verhältnis zur deutschen Sprache. «Sprache sei dir Harpune / in den Gewässern der Zeit» gab er sich 1947, in einem ganz frühen Gedicht, selbst die Losung, und unberührt vom Fatalismus der Epoche schrieb er über den Wind und den Fluss, den Granit und das Salz, über die Landschaften, die er liebte, die Menschen, die ihm nahestanden, und nicht zuletzt über das Schreiben als die ihm gemässe Art, dem Leben beizukommen: «Rosen oder Hühner? / Gedichte schreiben / Und nicht auf die Musik der Bassgeigen am Himmel hören / der blau oder bewölkt ist.» Hätte er Romane oder Dramen geschrieben: Rainer Brambach wäre populär wie Dürrenmatt und Frisch geworden. Aber er blieb, nicht wissend, dass er in diesem Ressort einer der besten war, in einem lyrikverdrossenen Land bescheiden bei seinen Gedichten – und bei den wenigen, aber umso hintergründigeren Erzählungen des 1972 erschienenen Bändchens «Für sechs Tassen Kaffee und andere Geschichten». «Die Natur im Gedicht, gewiss, es ist möglich», formulierte er 1965 seinen eigenen Qualitätsanspruch. «Aber sie muss mit frischen Augen gesehen, in unverbrauchten Sprachbildern dargestellt und mit einem Bewusstsein beschrieben werden, das auf menschliche Verhältnisse zielt.» Berühmtheiten wie Martin Heidegger, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger und Peter Huchel bewunderten den scheuen proletarischen Poeten, der sich lebenslang von nichts und niemandem vereinnahmen liess. Und Basel, das ihn 1939 verstossen hatte, überreichte ihm 1982 schliesslich feierlich seinen grossen Kunstpreis. Ein Jahr später, am 14. August 1983, hörte sein Herz zu schlagen auf: mitten auf der Basler Fasanenstrasse, als er auf dem Fahrrad mit Tomaten aus dem Garten nach Hause unterwegs war.

 

(Text: www.linsmayer.ch)

 

 

Gedichtplakat und Poesiekarte, Tag der Poesie 2012/2014: "Leben"

Gedichtplakat und Poesiekarte, Tag der Poesie 2015: "Das Gingkoblatt"

 

Gedichtplakat, Tag der Poesie 2016: "In einer Sonnenblume wohen", "Manchmal nicht mehr", "Gedicht für Frank"

Gedenkweg Basler DichterInnen, Tag der Poesie 2016