Auswahl an Lyrik aus den Poesiebündeln der vergangenen Jahre (2012, 2013, 2014)


Hier zeigen wir Ihnen eine Auswahl aus der Postkarten-Poesie der vergangenen Jahre, die immer all jene Gedichte als Postkartensammlung enthält, die im jeweiligen Jahr auf den Plakaten in der Innenstadt zu sehen sind.

Die Postkarten-Poesie erscheint bei Mattyhas Jenny im Nachtmaschine-Verlag und wird herausgegeben von Alisha Stöcklin. Für die Umschlaggestaltung ist Dominik Gschwind zuständig.

 

Die Postkarten-Poesiebündel können Sie hier erwerben.


 

Ziehende Landschaft

 

Man muss weggehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Man muss den Atem anhalten,

bis der Wind nachlässt

und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,

bis das Spiel von Licht und Schatten,

von Grün und Blau,

die alten Muster zeigt

und wir zuhause sind,

wo es auch sei,

und niedersitzen können und uns anlehnen,

als sei es an das Grab

unserer Mutter.

 

Hilde Domin

Copyright S. Fischer Verlag

 


 

Intuition

 

Auf Engelweise

besuche ich dich,

lautarm

wie alles, was aus

der Mitte kommt.

 

Du vernimmst mich nur,

wenn dein Atem

mich zu dir führt.

 

Ich spreche nicht mit Worten.

Hörst du Stimmen,

dann bin ich es nicht.

Aber achte auf alles,

was deine Sinne berührt.

 

Ich schicke dir Bilder,

Geräusch und Geruch,

ich streife dein Herz

und mache dich ruhig.

Ich warte auf dich.

 

Isabelle Schaub

Copyright bei der Autorin

 


 

Stell dir vor

es sei Friede in dir

wunschloses Gebüsch

wachse in deiner Mitte

bewohnt von Spatzen

einer Sippe frecher

tschilpender Spatzen

 

Werner Lutz

Copyright beim Autor

 


 

Das Gras anmalen

 

Das Gras anmalen

und zwar grün

ist unsere Aufgabe

geduldig

einzeln

und sorgfältig

 

Christoph Mangold

Copyright Verlag Nachtmaschine

 


 

Ich bin die

erstarrte Maske

deines Traums

 

Ein Spiegel

der dich blendet

wenn es dunkelt

 

Ein abnehmender Mond

im Aufgang

des Schattens

 

Weil

Du fehlst

als Mensch

unter vielen

 

Caspar Jenny

Copyright beim Autor

 


 

Dieter Fringeli


immer ist etwas fertig

der tag das glück das gedicht

reglos nimmt die handlung

ihren lauf (wohin mit dem

wissen das mich nicht braucht)

ohne ersichtlichen grund

steigt die sonne übern berg

das dorfleben boomt

museale lustbarkeiten die

liebe provinziell (alles

ist restlos) ohne kopf

gibts nichts zu denken

das herz klopft ich begebe mich

in ein beliebiges hochdruckgebiet

auf gänsefüsschen mach ich

mich davon ich setze

ein gerücht in die welt

das kann nur ich sein

 

Dieter Fringeli

Copyright Verlag Nachtmaschine

 

 


 

Christian Fink

 

Wenn ein kategorisch imperativisierter

Mensch mit einem wahrhaftig ganzen Menschen

spazieren geht

dabei auf einen Übermenschen trifft

der gerade ein äusserst willensstarkes

Mädchen beobachtet

das gerade hinter den Büschen

mit ihrem Liebhaber den Aufbau

der Kultur ins Stocken bringt

während aggressive Graugänse nebenan

in Verwechslung einem bärtigen Mann

hinterherlaufen

der von der Entwicklung des Sein

sich mehr Bewusstsein

versprochen hatte

 

Christian Fink
Copyright Verlag Nachtmaschine

 


 

Leben

 

Ich schreibe keine Geschäftsbriefe,

ich beharre nicht auf dem Termin

und bitte nicht um Aufschub.

Ich schreibe Gedichte.

 

Ich schreibe Gedichte auf den Rummelplätzen,

in Museen, Kasernen und zoologischen Gärten.

Ich schreibe überall,

wo Menschen und Tiere sich ähnlich werden.

 

Viele Gedichte habe ich den Bäumen gewidmet.

Sie wuchsen darob in den Himmel.

Soll einer kommen und sagen,

diese Bäume seien nicht in den Himmel gewachsen.

 

Dem Tod keine Zeile bisher.

Ich wiege achtzig Kilo, und das Leben ist mächtig.

Zu einer anderen Zeit wird er kommen und fragen,

wie es sei mit uns beiden.

 

Rainer Brambach

Copyright Diogenes Verlag

 


 

am grab

 

gut, dass wir nicht in england leben

und nicht in frankreich, mama.

 

death hat fünf buchstaben, life bloss vier,

vie three, mort one more: four.

 

rejoice, ma: chez nous leben

cinq, tod trois.

 

Urs Allemann

Copyright Urs Engeler Editor

 


 

Frage

 

Ein gelbes Blatt,

hereingeweht durch das Fenster.

Die Herbstwinde,

Zeit zum Drachen steigen lassen.

Damals, auf der Wiese,

zwischen den Häusern.

Die Kindheit.

Ein gelbes Blatt,

hereingeweht durch das Fenster.

Die Frage, wie viele Frühlinge noch?

Zeit an den Winter zu denken.

 

René Regenass

Copyright beim Autor

 


 

Historische Erinnerungen

 

Noch immer gibt es

dem Fluss entlang

elektrische Strassenlampen

verkleidet als Gaslaternen.

 

Gusseisern in Ölfarben ertränkt

stehen sie da,

Überbleibsel des vorletzten Jahrhunderts,

und leuchten

zwischen Ahorn- und Lindenbäumen

regelmässig verteilt,

iren bescheidenen Lichtkreis aus:

 

Diese Stadt macht sich älter,

als sie ohnehin ist.

 

Markus Kutter

Copyright Verlag Nachtmaschine


lebenszeichen

 

der mond, die blonde himmelsscheibe

der wind, der sich dem laub vermählt

das flugzeug, das mit weissem pinselstrich

sich in die nacht verzieht,

drei dauerläufer, die mich grusslos überholen

und ich, der mann im rollstuhl, der sich fragt

was hab ich hier verloren?

mir bleibt zum trost, dass du mich schiebst.

 

Frank Geerk

Copyright beim Autor


Herbst

 

Im Gras ist noch Sonne genug

für seine Beschreibung.

Der Bussard sträubt

ihre Zeichen vom Zweig

und trotzdem

scheint sie im Bild zu sein

das ihr Licht sich von der Birke macht

der sommers und winters

die Sinne nicht ausgehn.

 

Wolfram Malte Fues

Copyright beim Autor


Wind

 

Wiegt Wolkenweiber, gräbt Wasser um

Neidet den trunkenen Fischen den Traum

Weckt alle Feuer, rupft leer den Baum

Raubt aus dem Hause deer Kranken den Schrei

Verachtet Gräber, jagt fort den Mond

Verstopft dem Vogel den Schnabel mit Schnee

Umschleicht den Turm, kritzelt die Glocke

Flösst kalte, weisse Blumen zu Tal

 

Adelheid Duvanel

Copyright Nagel & Kimche Verlag


Wollte immer gehen

wollte immer bleiben

wollte auch beim Gehen bleiben

und beim Bleiben gehen

und will es immer noch

 

Werner Lutz

Copyright beim Autor


Der Septemberhimmel: ein grauer

Lappen,

eine weggeworfene

Fläche.

 

Die Stadt:

ein Massanzug.

 

Mitten drin: eine um den Verstand

gebrachte Linie.

 

Der ins Herz getroffene Punkt.

 

Kurt Aebli

Copyright Urs Engeler Editor